Nach der Ankunft in Schweden sammelten wir einige Tage erste Eindrücke und merkten schnell, dass mit der Corona-Thematik hier ganz anders umgegangen wird als in der Schweiz. Aus den einheimischen Medien hatten wir während unserer Vorbereitungen den Eindruck erhalten, dass Schweden sehr sorglos mit der Pandemie umgeht und mit seinem Sonderweg viel Schaden in Kauf nimmt. In der Tat war es fast wie ein Kulturschock, im Supermarkt plötzlich fast alleinig mit Maske unterwegs zu sein und zu sehen, wie die Einheimischen zufrieden im Cafe zusammensitzen.

Dies warf für uns diverse Fragen auf und wir verspürten das Bedürfnis, uns mit einer einheimischen Person über dieses und andere Themen auszutauschen. Normalerweise nutzen wir hierfür die Plattform Couchsurfing, welche uns schon viele schöne Begegnungen beschert hat. Kurz vor unserer Abreise sind wir über eine andere Möglichkeit gestolpert: Workaway. Die Idee ist nicht neu, es gibt seit vielen Jahren Angebote für „work and travel“ oder Arbeiten gegen Kost und Logie. Die Plattform ist aber insofern interessant, als dass man sich als Host und Workawayer gegen eine bescheidene Gebühr registriert und nur mitmachen kann, wenn man verifiziert ist und sein Profil genügend aussagekräftig gestaltet.

Auf dieser Plattform fanden wir spontan die Möglichkeit zu einem solchen Stay bei Susanne, welche mit ihrem Sohn, Katzen, Pferden und einem Hund etwas südlich von Växjö auf einer Farm lebt. Susanne ist momentan gerade im Mutterschaftsurlaub und hat – bevor sie vor drei Jahren diese Farm gekauft hat – für die schwedische Regierung gearbeitet. Deswegen war sie eine super Informationsquelle für all unsere Fragen zu diesem Land. Sie ist voller Tatendrang und bringt als alleinerziehende Mutter ziemlich viel unter einen Hut. Wenn sie etwas Luft hat durch Support seitens ihrer Mutter, ihrem Freund Hans oder Volunteers wie uns, widmet sie sich ihrer Leidenschaft, dem Klicker-Training ihrer Pferde.

Klicker-Training ist eine Form des Trainings, die wir von der Arbeit mit Mojo bestens kennen. Kern dieser Methode ist Training durch positive Verstärkung, also ohne Zwang für das Tier. Susanne hat kürzlich sogar ein Schwedisches Buch darüber geschrieben, weil es noch kein solches in ihrer Sprache gab.

Der Austausch mit Susanne war sehr bereichernd.

Von ihr haben wir zum Beispiel erfahren, dass sie keine Steuerrechnungen erhält – das Geld wird abgezogen, bevor der Lohn ausbezahlt wird. Was noch reinflattert, kann man behalten. Irgendwie noch sympathisch! In Schweden ist die Steuerbelastung zwar hoch, der Staat sorgt sich aber sehr um seine Bürger. So gibt es beispielsweise nur eine staatliche Krankenkasse und wenn man medizinische Betreuung benötigt, kriegt man diese gegen eine sehr geringe Fallpauschale, egal wie hoch die Behandlungskosten ausfallen. Auch Kinderbetreuung und Studienkosten werden durch den Staat bezahlt.

Susannes Elternurlaub dauert zudem 480 Tage, das ist ganz schön lang. In dieser Zeit erhält sie 80% ihres Lohns. Bedingungen, von denen Schweizer Eltern vermutlich nur träumen können…

Was wir selber schon bemerkt haben, sind die gut ausgebauten, leeren Strassen und das vorbildliche Recyclingsystem. Einmal im Jahr beteiligt sich zudem ein Grossteil der Schweden und Schwedinnen an einem Frühjahrsputz entlang der Strassen und in der Natur.


Da auf der Farm von Susanne nicht nur gequatscht werden kann, halfen wir in diversen Bereichen aus:

  • Im Garten nahmen wir das Duell gegen den mit Volldampf anbrausenden Frühling an.
  • In der Küche versuchten wir, schwedische Rezepte mithilfe von Google Translate zu entziffern und zauberten interessante Menues.
  • Der flinke William hielt uns auf Trab, wenn seine Mutter bei den Pferden war.
  • Mojo erzeugte als Gasthund im vorhandenen Gefüge der tierischen Hausbewohner eine Gewisse Aufregung. Der Haushund Ishiko war im übertragenen Sinne „ganz aus dem Häuschen“ ob Mojos Charme und die Katzen waren es tatsächlich.
  • Susannes Kanu am See musste ab und zu gewassert werden, sonst wäre es von der Vegetation überwuchert worden und wäre für immer verschwunden.
  • Bei den Pferden brauchte Susanne Hilfe bei den Stallarbeiten sowie beim Klicker-Training.
  • Diverse Gebäude vertrugen mal wieder einen Anstrich mit der typisch schwedischen Farbe „Rödfärg“.

Fahrradplatten? Fein gehackter Bräutigam? Spezielle Geschmäcker im Norden…

Es ist nicht so schlimm, hier herumzupaddeln


Ach ja, Corona.

Bezüglich dem Umgang mit Corona haben wir das Gefühl, dass die Schweden sich überhaupt nicht gleichgültig verhalten. Sie halten beim Einkaufen Abstand, drängeln nie und sind geduldig. Viele Treffen finden hier ebenso draussen statt, auch bei kühleren Temperaturen und schlechtem Wetter. Allgemein haben wir den Eindruck, dass die Menschen hier unbeschwerter mit der Thematik umgehen. Weniger Restriktionen, mehr Eigenverantwortung durch Empfehlungen statt Verbote, und ja – es hat hier auch viel Platz. Vielleicht ist der Schwedische Weg ja gar nicht so schlecht, wenn durch weniger Zwang die Gemütslage der Bevölkerung nicht so stark leidet wie bei uns? Unsere Einschätzungen stützen sich natürlich nur auf die Erfahrungen hier auf dem Land. Laut Susanne ist auch in Schweden die Situation zum Beispiel für Jugendliche in den Städten recht schwierig.


Wir haben die Zeit auf der Farm sehr genossen. Fast vier Wochen verbrachten wir hier, wobei wir am Wochenende jeweils auf Erkundungstour an die nahe Küste oder ins Inland gingen. Jetzt freuen wir uns, wieder aufzubrechen, mit wertvollen Erfahrungen im Gepäck und dem guten Gefühl, hier in Südschweden Freunde gewonnen zu haben.


Weil ihr immer Fotos wollt: Impressionen aus unserem ersten Monat Schweden