Höga Kusten heisst der Küstenabschnitt zwischen Härnösand und Örnsköldsvik. Die Region rühmt sich als die höchste Küstenlinie der Welt und wurde im Jahr 2000 zum UNESCO-Naturerbe erklärt. Die Küste steigt ziemlich schnell aus den Fluten empor (aktuell ungefähr 8mm pro Jahr) und ist anscheinend die boomende Tourismusregion in Schweden, wie wir im Informationszentrum erfahren haben. Dieses Zentrum – Naturum genannt – liegt neben dem beliebten Skuleskogen Nationalpark und lässt uns aufgrund der vorhandenen Infrakstruktur erahnen, welche Massen an Touris wohl hier im Sommer erwartet werden. Bei unserem Besuch im Café auf dem Gelände war es jedoch noch immer sehr ruhig und zwei seltene Besucherexemplare (asiatische Touristen) lösten bei uns schon fast Heimweh nach Interlaken aus. Ausgerüstet mit Kartenmaterial zogen wir uns auf einen Camping am Meer zurück, um unsere weiteren Aktivitäten zu planen.


Eine Wanderung später stellten wir unser Auto auf einem Platz ab, der am Abend Schauplatz eines Spektakels wurde, welches wir zuvor schon an anderen Orten beobachten durften. Auf den hiesigen Strassen und auf abgelegenen Parkplätzen sind die „Tractor Boys und Girls“ unterwegs. „A-Traktors“, coole Autos, meist Pickups, schleichen langsam und mit einem grossen, gelb-roten Warndreieck über die Landstrassen. Am Steuer: Jugendliche. Bei den ersten Exemplaren vermuteten wir noch technische Probleme, aber nun sind wir gescheiter. Ein altes Gesetz erlaubt es den Bauern seit geraumer Zeit, Serienautos für landwirtschaftliche Zwecke umzubauen. Diese dürfen offiziell nur maximal 30km/h fahren und dürfen ab 15 Jahren manövriert werden. Am Steuer sitzen längst nicht mehr die Bauern, sondern die Teenager. Der Coolness-Faktor eines solchen Gefährts ist natürlich um einiges grösser als der eines Mopeds und offenbar habe sich der Trend mittlerweile auch in die städtischen Regionen ausgebreitet, wie wir erfahren haben. Wer entsprechende Unterstützung von zu Hause hat, kann jedenfalls auch mit einem gedrosselten Tesla oder Porsche herumcruisen. Die meisten Autos sind zwar ziemliche Rostbeulen, aber auch wir haben schon Teenies am Steuer von glänzenden SUVs überholt. Gewöhnungsbedürftig. Jedenfalls scheint es ein beliebtes Hobby zu sein, an den Autos herubzubasteln und diese zum Beispiel mit dröhnenden Soundanlagen auszurüsten. Abends trifft man sich, bevorzugt auf etwas abgelegenen Plätzen, um zu zeigen, was man hat und vielleicht noch die eine oder andere Reifenspur auf den Asphalt zu zeichnen.

A-Traktor

Auch die beiden Jungs auf unserem Übernachtungplatz führten einander ihre Modelle vor. Ihre beiden Zahnspangen blitzten simultan auf, als ein gewaltiges Motorengeräusch aufheulte – notabene aus dem Subwoover des offenen Kofferraums, also nur „fake“. Daneben stehend, lässig mit Bierdose in der Hand, schauten sie verschmitzt über den Platz und unsere Blicke liessen sie gerade ein wenig in die Höhe wachsen. Rebi meinte sogar, am Kinn des einen Tractor Boys soeben das erste Barthaar spriessen gesehen zu haben, war sich aber nicht ganz sicher, wegen der grossen Entfernung…

Bald wurde es jedoch wieder ruhig, denn gewiss mussten auch diese beiden coolen Typen in diesen Tagen zu Hause mit anpacken, schliesslich putzte sich das ganze Land für den nahenden Mittsommertag heraus – das Ereignis des Jahres für die Schweden.


In der Nacht wurde Mojo plötzlich unruhig. Etwa eine halbe Stunde später zog ein gewaltiges Gewitter über uns hinweg, und wir waren froh, nicht gerade mit dem Zelt unterwegs gewesen zu sein. Der folgende Tag war „himuleid“, weshalb wir den Besuch des Nationalparks aufschoben und uns stattdessen in Örnsköldsvik auf Einkaufstour begaben. Wir lernten: Die Landi in Schweden heisst Granngården, das Bau+Hobby heisst ByggMax.

Landi-Fan Rebi erforscht das Sortiment

Tags darauf erkundeten wir bei freundlicherem Wetter den Skuleskogen Nationalpark. Dieser ist nicht sonderlich gross, aber von drei Seiten über liebevoll gestaltete Eingänge gut zugänglich. Über schöne, aus dunklem Holz gefertigte Stege führt der Weg zunächst kinderwagen- und rollstuhltauglich eine kurze Strecke in den Park hinein. Eine tolle Plattform mit Infotafeln, Feuerstelle, ein Schopf bis unters Dach gefüllt mit Feuerholz, rollstuhlgängige Toiletten sowie eine Entsorgungsstation sind ebenfalls vorhanden. Wenn auch wir mal einen Nationalpark bauen, …ach, lassen wir das. Nur noch etwas: An diversen Orten im Park stehen Übernachtungshütten, welche so schön hergerichtet sind, dass man fast nicht glauben kann, den Park ohne Eintrittsgebühr betreten zu dürfen.

Wir erkundeten den Park von der Westseite her und genossen jeden Meter der abwechslungsreichen Strecke. Nach einigen Kilometern bogen wir in den Weg ein, der parallel zur Küste durch das Gebiet verläuft. Dieser Weg ist Teil des Höga Kustenleden, eines beliebten Wanderwegs, der sich über 130km erstreckt. Sofort wimmelte es von Menschen, denn unweit unserer Einbiegestelle stellt eine markante, enge Schlucht die (offizielle) Hauptattraktion des Parkes dar. Um dahin zu gelangen, müssen einige Höhenmeter halb kraxelnd über grosse Steine bewältigt werden. Wir schauten zunächst auf die vielen Wandererfüsse, die in Wanderschuhen, zum Teil aber auch in Converse-Sneakers oder gar Birkenstock-Sandalen steckten, dann einander an und waren uns einig: retour. Zwei Kilometer zurück machten wir Pause auf einer Kuppe, von wo wir wunderschöne Aussicht auf die Felsen und Wälder des Parks, sowie auf das Meer genossen. Nebst dem Rauschen des Winds und dem Vogelgezwitscher ertönte nur ab und zu – und überhaupt nicht störend – ein Schrei, wenn wieder jemand in der Steigung zur Schlucht ausrutschte.

Die Schreie störten ihn nicht

Da es sich sehr gut anfühlte, wieder einmal den Meeresduft in der Nase zu haben, wollten wir nochmal etwas näher ans Wasser. In Skeppsmaln, einem winzigen Fischerdorf, gibt es einen sehr gemütlichen Stellplatz ganz nah an den Schärenfelsen. Wir genossen einen richtig gemütlichen Nachmittag auf den warmen Felsen und machten uns am Abend erneut auf, um am Wasser ein kleines Feuer zu entfachen und den endlosen Sunset zu betrachten. Unser Feuer brannte wunderschön, aber nicht lange. Es lockte einen Schweden an, der uns erklärte, dies sei nicht gestattet und zerstöre den Fels. Sofort ausmachen! Wir spurten natürlich und löschten umgehend unser Feuer nach seinen Anweisungen mit Wasser. Immerhin bot er uns an, die Feuerstelle seiner Gruppe zu benützen. Nils nahm dieses Angebot an und durfte dort den Erläuterungen eines zweiten Schweden lauschen, wonach das Schlimmste für den Fels sei, wenn man diesen mit Feuer erhitze und dann mit Wasser abschrecke. So habe man das früher in den Minen gemacht, um den Fels zu sprengen. Der erste Schwede senkte den Blick und sagte nichts mehr dazu. Nils auch nicht.

Wir räumten später die Reste unseres kleinen Feuers weg, um eventuelle Nachahmer nicht auf dumme Ideen zu bringen. Der grossen Felsplatte geht es übrigens gut, sie hat unser Missgeschick schadlos überstanden.

der Tatort

Der kleine Ort Skeppsmaln verzeichnete letztes Jahr dreimal so viele Besucher wie in den Jahren zuvor. Wir vermuten, dass die Vehemenz der Zurechtweisung wegen unserem Feuer auch ein wenig mit den steigenden Besucherzahlen zusammenhängt. Offenbar haben sich auch viele Schweden letztes Jahr ein Wohnmobil angeschafft und ehemalige Geheimtipps wurden überrannt. Auch wir haben schliesslich den Weg hierhin durch Hinweise anderer Touris gefunden und sind ebenfalls Teil dieses ansteigenden Touristenstroms. Wir hoffen jedenfalls, der Charme dieses kleinen Orts bleibt noch lange erhalten und dass die Anwohner von den vielen zukünftigen Besuchern profitieren können und sich nicht ärgern müssen.

Das Gespräch mit der Gruppe zunächst etwas erzürnten, dann aber doch recht freundlichen Einheimischen hatte jedoch auch noch etwas Spezielles zu bieten. Als ich unser Herkunftsland erwähnte, stand plötzlich eine Frau vom etwas entfernten Tisch auf und sagte strahlend: „Kommsch us dr Schwiiz?“. Es stellte sich heraus, dass sie vor vielen Jahren ein Jahr als Au-Pair in Schönried gewesen war und in dieser Zeit zwar kaum Hochdeutsch, dafür ein prächtiges „Schwedisch-Oberlendisch“ gelernt hatte. So ein lustiger Zufall!


Vor unserer Feueraktion kamen wir auf dem Weg zu den Felsen noch mit einer anderen einheimischen Familie ins Gespräch. Sie interessierten sich ein klein wenig für uns und ganz fest für Mojo. Spontan wurden wir für den nächsten Tag eingeladen, mit ihnen einen Mittsommer-Ausflug mit dem Boot zu unternehmen. So standen wir am nächsten Tag zur vereinbarten Zeit im kleinen Hafen parat und wurden von einem strahlenden, braungebrannten Kapitän abgeholt. Er hatte seine Frau und die beiden Kinder vorgängig auf einer der Schäreninseln abgesetzt und freute sich auf die zusätzliche Fahrt mit uns. Daniel liebt sein Boot. Und das Boot ist schnell.

Was für eine Fahrt! Bei perfektem Wetter flitzten wir über eine fast wellenlose Ostsee, zwischen den Felsinseln hindurch, zum Rest der Familie. Daniels Frau ist auf einer dieser Inseln aufgewachsen und so verbringen die vier ihre gemeinsame Freizeit wann immer möglich auf den diversen Inseln. Es war eindrücklich zu sehen, wie sich die beiden Kinder stundenlang nur mit dem beschäftigen konnten, was der Strand hergab (wenn sie nicht gerade Mojo streicheln mussten, denn offensichtlich hatten sie sich beide in ihn verliebt).

Nach dem Picknick auf der ersten, felsigen Klippe fuhren wir auf die Insel Trysunden, welche einen kitschigen, kleinen Hafen hat, sowie eine Jugendherberge und ein kleines Café. Vor den diversen roten Ferienhäuschen genossen die Besitzer ihren prächtigen Mittsommertag. Andere Ausflügler legten mit protzigen Yachten an und wir schätzten den durchschnittlichen Alkoholpegel der Crewmitglieder auf ca 2 Promille… Es herrschte reges Treiben am Hafen. Wir schleckten eine Glace und litten mit all denjenigen mit, die jetzt am Nachmittag schon glühend rote Haut hatten, denn die Sonne stand immer noch sehr hoch am Himmel. Wir erfuhren, dass das Wetter am Mittsommertag kaum je so perfekt mitspiele wie dieses Jahr. Es kann durchaus sein, dass am längsten Tag des Jahres dieselbe Temperatur herrscht, wie zu Weihnachten. Deshalb hat die Sonnencreme wohl nicht in jedem Boot einen fixen Platz…

An einem ruhigeren Ort folgte Picknick Nummer zwei mit unseren Freunden, bevor wir wieder aufs Festland überführt wurden. Der Abschied fiel den Kindern schwerer als Mojo, letzterer war von der Bootsfahrt ziemlich groggy. Wir trotteten völlig happy vom Hafen zurück zu unserem Zuhause, die Haare von der wilden Überfahrt zerzaust und Salzgeschmack auf den Lippen. Eine weitere, bereichernde Begegnung war das gewesen. Wir hofften im Vorfeld insgeheim, den Mittsommertag irgendwie authentisch erleben zu können, machten uns aber in diesen speziellen Zeiten wenig Hoffnungen. Umso mehr haben wir das Gefühl, einmal mehr Glück gehabt zu haben und einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort (mit dem richtigen Hund) gewesen zu sein.