Fast ein wenig wehmütig fuhren wir wieder von der Küste weg ins Inland. Es ist schon erstaunlich, wie manche Orte sich schon nach kurzer Zeit so vertraut anfühlen und man einfach gerne da ist. So ist es uns an diesem Abschnitt der Küste ergangen, den wir also wieder hinter uns liessen. Natürlich hatten wir grosses Glück mit unseren Begegnungen und die Region während eines ungewöhnlich milden Sommerhochs zu besuchen ist sicher nicht zu vergleichen mit dem rauen und dunklen Klima des Winters. Trotzdem fuhren wir wieder los mit einer schönen Gefühlsmischung im Bauch: Einerseits, einen Ort zu verlassen, der einem ans Herz gewachsen ist. Andererseits die Vorfreude auf das, was als nächstes vor uns liegt.
Ungefähr so haben wir uns auch vor ziemlich genau einem Jahr gefühlt, als wir mit vielen von euch ein unvergleichliches Sommerfest erleben durften und uns dann auf den Weg machten, weg von unserer Herzensregion, dem Bödeli. Die Erinnerungen an den Startschuss vor Jahresfrist sind immer noch lebhaft in unseren Köpfen und wir denken gerne daran, wie unsere Reise letzten Sommer seinen Anfang nahm.
Etwas landeinwärts steuerten wir den kleinen Björnlandets Nationalpark an. Nach einer 26 Kilometer langen staubig-holprigen Anfahrt erreichten wir den Parkplatz am Eingang. Beim ersten kleinen Erkundungs-Loop in den Park war es praktisch unmöglich, stehen zu bleiben. In der Luft wimmelte es von allem möglichen Getier – willkommen in Nordschweden! Zum Glück gelang uns, dass es nur wenige Mücken in den Bus schafften und litten mit unseren deutschen Nachbarn mit, die bei offener Türe sorglos ihr Apéro genossen hatten und sich dann beim Rückzug in das Mobil mit hunderten von Plaggeistern konfrontiert sahen. Entsetzte Schreie und wildes Gefuchtel bis spät in die Nacht…
Am kommenden Tag absolvierten wir die grosse Runde im Park und der Zufall wollte es, dass wir bei unserer Pause bei einer der Schutzhütten auf die wohl einzigen Schweden im Park trafen. Hampus startete gerade ein Feuer und wir setzen uns zu ihm und seiner Freundin Elin. Gerade als das Grillgut knapp gar war, entleerte sich der Himmel und wir flüchteten in die Hütte – perfektes Timing! Wir erfuhren, dass die beiden nächstens aufs Land ziehen würden und es durch die Pandemie auch in Schweden einen Run auf die besten Liegenschaften auf dem Land gegeben hat. Sie waren hier im Park unterwegs, um kurz vor Hampus‘ Verwandten zu flüchten. Diese kombinieren den jährlichen Familienzusammenzug in einem Ferienhaus in der Umgebung jeweils mit einer Phase der Abstinenz von Zucker, Fleisch und Alkohol. Genüsslich verzehrten Elin und Hampus hier im Schutz des dichten Waldes ihre Hot Dogs und wir setzten noch einen drauf und versorgten sie mit Schoggi aus unserem Proviantvorrat. What happens in Schutzhütte stays in Schutzhütte, sozusagen…

Die nördlichste Provinz in Schweden ist Schwedisch Lappland. Grosse Weiten, nur noch wenige Strassen und an der Grenze zu Norwegen diverse bergdurchsetzte Nationalparks. Auf unserer Rückreise von Norwegen drei Jahre zuvor haben wir unbemerkt einen Teil des Vildmarksvägen abgefahren. Diese Route führt von Strömsund an der Touristenstrasse E45 an die Grenze zu Norwegen, über den Pass Stekkenjokk, und dann nördlich wieder zurück ins Landesinnere nach Vilhelmina, wobei der Pass nur in der schneefreien Zeit (ca Anfangs/Mitte Juni bis Mitte Oktober) passierbar ist. Wir erinnerten uns an den ersten Teil dieses Wegs und daran, dass wir von der Schönheit dieser Landschaft total überwältigt waren.
Der erste Abschnitt von Strömsund nach Gäddede gefiel uns erneut ungemein gut. Die Strasse führt durch ein zunehmend dünner besiedeltes Gebiet und es finden sich unzählige tolle Plätze zum Verweilen, oft direkt am Ufer der etlichen Seen, deren Wasser klar und kalt ist. Wälder und markante Felsformationen verleihen der Region tatsächlich etwas Wildes. Zudem blühten überall schöne Wildblumen, da bis vor kurzem hier noch Schnee gelegen war. Pünktlich zu unserem Besuch installierte sich ein ungewöhnlich warmes Hoch über Skandinavien und wir reduzierten dadurch die Wanderkilometer drastisch, tauchten dafür aber bei jeder Gelegenheit ins Wasser.
Immer weiter hoch führte die Strasse, bis zu besagtem Pass auf fast 900 Meter über Meer. Hier wurde deutlich, dass wir nun mitten in der Sommersaison einen sehr beliebten Fleck besuchten. Auf dem offiziellen Parkplatz stellten wir unser Nyumbani mitten in eine Stadt aus Mobile Homes. Auf der Flucht vor den Mücken und der Hitze in den tiefer liegenden Regionen, tummelten sich hier dutzende Wohnmobilisten auf dem kargen Gelände, hoch über der Baumgrenze. Etliche davon verbrachten die Zeit damit, perfekt ausgerichtet ihre entblösste Haut der Sonne entgegen zu strecken und vom etwas entfernten Aussichtspunkt erinnerte uns der Anblick irgendwie an die Hot Dogs vom Picknick mit Elin und Hampus.

Der zweite Teil des Vildmarksvägen gefiel uns dann im Vergleich deutlich weniger gut als der erste. Die Hitze war mittlerweile wirklich extrem und in den wieder dichter bewaldeten Gebieten wurden wir sofort von Insekten angegangen, sobald wir Schatten aufsuchten. Zum Glück fanden wir dennoch schöne Plätze, an denen die Kombination von Wind, Sonne, Insektenschutzmittel und Feuer gut gegen die kleinen Tierchen half.

Wir wollen hier jetzt nicht in den Tenor der Skandinavien-Urlauber einstimmen, die sich über die sommerliche Mückenplage beschweren. Wer im Frühling oder Herbst kommt, anstatt im Juli oder August, der hat schliesslich nichts zu befürchten. Aber natürlich haben auch wir unsere Erkenntnisse gesammelt und mussten unsere Abwehrstrategien überdenken. So gibt es zum Beispiel eine grosse Vielfalt der Insekten, die da so herumschwirren. Grosse, langsame Brummer stechen schmerzhaft, sind aber relativ leicht abzuwehren, solange sie einzeln kommen. Stechmücken sind farblich schön, aber hartnäckig. Die Kriebelmücken (Knotts) sind so klein, dass sie durch das Fliegengitter passen und es verging eine Weile, bis wir gemerkt hatten, dass sie auch Mojo ziemlich zusetzen. Sie krabbeln in sein Fell und stechen ihn vorwiegend am Bauch. Die ganz normalen Mücken sind schnell da, wenn man in einem feuchten, schattigen Plätzchen kurz verweilt. Sie stechen nicht so schmerzhaft, aber von ihnen stammen unsere schönsten Juckstellen. Diese Mücken sind zudem so zutraulich, dass sie einen Weg um unser Mückennetz herum ins Innere des Autos gefunden haben. Abdichten am Fensterrahmen mittels Malerband half recht gut. Die wenigen Exemplare, die wir jeweils am Morgen leicht erledigen können, weil sie mit ihren dicken, mit unserem Blut vollgesogenen Hinterteilen nur träge umhersurren, haben uns ihren Eintrittstrick noch nicht verraten… wir bleiben dran!
Unserem Hot Dog Mojo zuliebe, suchten wir die Trollforsen-Stromschnellen des Flusses Piteälven auf. An dessen weniger gewaltigem Nebenlauf fühlte er sich richtig wohl und nutzte jede Gelegenheit zur Abkühlung.

Langsam näherten wir uns dem nördlichen Polarkreis. Bei einem Abstecher in Sorsele biss Rebi in das erste Gipfeli seit April. Ein junges Auswandererpaar aus der Schweiz versorgt hier die Bevölkerung mit helvetischen Brotwaren.

Am Polarkreis: Den obligaten Kleber anbringen bei 33 Grad. Sommerkleid, Flip Flops und eine Glace im Schatten, dankbar über den zügigen Wind. Das war irgendwie schräg und stimmte uns etwas nachdenklich. Wir hatten uns eher auf einen Besuch in Windjacke und langen Hosen eingestellt.
Nachdenklich waren wir ebenfalls nach dem Besuch des Naturums im Stora Sjöfallet Nationalpark. Das Gebäude allein ist eine Attraktion und die Ausstellung im Innern informiert eindrücklich über die Vergangenheit und Gegenwart der Sami, der Ureinwohner Nordskandinaviens. Wie bei Urvölkern auf anderen Kontinenten, ist es auch hier eine traurige Geschichte von Enteignung und Existenzbedrohung. Die beiden grossen Seen des Nationalparks sind Stauseen. Es wurden Täler geflutet, Jagd- und Fischereigebiete der Sami verschwanden. Entlang der einzigen Strasse in den Park stehen Starkstromleitungen, die vor der grandiosen Naturkulisse störend und fehl am Platz wirken.

Durch den Park führt der berühmte Kungsleden, Schwedens beliebtester Fernwanderweg. Es begegneten uns allerlei grosse Kindergärteler (grosse Rucksäcke mit Beinen), wobei einige noch locker federnd, andere schon träge schlurfend an uns vorbei marschierten.
Mit leichtem Gepäck absolvierten wir einige Kilometer auf diesem Pfad, suchten immer wieder Badeplätze und Schatten für Mojo auf und genossen es, endlich einmal wieder an grosse Berge schauen zu können. Plötzlich sahen wir Niesen und Bällenhöchst. Ein Boot brachte uns zusammen mit der Kindergartenschar nach Quinten, unterhalb der Churfirsten. Quinten heisst hier Saltoluokta und ist im Sommer ein von den Sami betriebenes Camp für die Wanderer, im Winter ein Knotenpunkt der Rentierwanderungen. Die Hitze beeinträchtigte unsere Wahrnehmung etwas und wir waren irgendwo in Schweizinavien unterwegs, bis wir zurück beim Bootssteg in Quintoluokta die Füsse wieder in den See tauchten. Plötzlich wussten wir wieder, wo wir waren.










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