Zurück an der Küste rollen wir langsam über die holprige Schotterstrasse zum Renöhamn, einem kleinen Hafen nahe der Stadt Piteå.


Wir hatten ja schon gute Erfahrungen mit Hafen-Stellplätzen hier in Schweden gemacht und irgendwie entwickelten sich die Dinge dort immer spannend. So steuerte Nils zum Beispiel im kleinen Fischerhafen von Spiken die Fischhandlung an, um von einem sonnengegerbten, vielleicht etwas mürrischen Fischer in glänzender Schürze einen frisch gefangenen Lachs zu erwerben (=Erwartung).

Es kam anders. Lachs gabs zwar, die Person im Laden war aber überhaupt nicht mürrisch, sondern strahlte hell, wenn auch nur knapp über die Kante der Theke. Die freundliche, rundliche Frau sprudelte nur so von Energie und ihr Lachen war extrem ansteckend. Woher wir kommen und ob wir von dort das Schiff haben nehmen müssen, wollte sie wissen. Kreuzungspunkt der Reisenden war dieser herrlich nach geräuchertem Fisch riechende Raum also: In einer rot gestrichenen schwedischen Fischerhütte, wie sie authentischer nicht sein könnte, verkaufte eine Thailänderin einem Schweizer einen Lachs …aus Norwegen.

Der zweite Hafen Skeppsmalen an der Höga Kusten war sowieso ein Highlight. Und hat glücklicherweise unseren Brandanschlag überlebt. Hier sind die Details nachzulesen.


Nur wenige Kilometer ausserhalb der Stadt, vorbei an Einfamilienhäuser-Träumen und einem Golfplatz, bogen wir also in die Hafenstrasse ab und erwarteten mal nicht allzu viel. Zwei Minuten später fanden wir uns in einer Privatführung wieder. Auch in diesem Hafen wieder ein strahlender Mensch: Der ältere Schwede genoss seinen Jahrhundertsommer sichtbar: Seine Haut war schon sehr braun und es war unschwer zu erkennen, dass er sich wohl ausschliesslich sitzend oder stehend sonnt, denn die Sichtbaren „Unterseiten“ seines Bodys leuchteten kontrastreich hell. Er zeigte uns sein Reich, ein spartanisch eingerichtetes Mini-Häuschen direkt am Hafenbecken. Ausziehsofa, kleine Küche, ein Kühlschrank. Er und seine Frau bräuchten nicht mehr als das. Die Frau, ihres Zeichens Rückenbräunerin, hob kurz den Kopf und lächelte uns vom Liegestuhl aus zu.

Wir realisierten beim Weiterspazieren, dass alle diese Häuschen liebevoll eingerichtete Rückzugsorte waren. Es herrschte eine entspannte Atmosphäre und alle genossen gemeinsam die leicht kühlende Brise, die von der Ostsee aufs Land wehte. Drei kleine Stellplätze für Wohnmobile liegen eingebettet in dem überschaubaren Areal. Wir fühlten uns willkommen. Gäste in einem harmonischen Mikrokosmos.

Eine Reihe kleiner Rückzugsorte: Renöhamn

Am nächsten Tag um 10 ging es los: Wie auf Kommando wurde der Hafen auf Vordermann gebracht. Motiviert zogen ledrige Heinzelmännchen und -frauchen in Sommergarderobe Rasenmäher und Fadenschneider aus dem Gemeinschaftsschuppen, es wurden Farbkübel geöffnet und Wasserschläuche ausgerollt. Handschuhe an, Pamir auf, und los! Es schien allen sichtlich Spass zu machen, den Ort aufs Wochenende hin so richtig gründlich herauszuputzen.

Amüsiert fuhren wir weiter, besuchten kurz die Küstenstadt Luleå, etwa eine Stunde nördlich und suchten später, nach einer schweisstreibenden Wanderung, Abkühlung an einem Badesee. Mittlerweile waren die Seen in Lappland so warm, dass die Angewöhnungsphase beim Reinwaten übersprungen werden konnte. Nach dem schönen Schwumm entschlossen wir uns, das Auto gar nicht mehr zu bewegen und die Nacht auf dem Parkplatz beim See zu verbringen.

Als wir uns eingerichtet hatten, fuhr ein gelbes Auto auf den Platz und ein Mann und eine Frau montierten ein riesiges Schild: Camping verboten.

Nils suchte das Gespräch mit ihnen und erfuhr, dass sich die Anwohner leider zu diesem Schritt gezwungen sahen. Obwohl wir aktuell das einzige Campingfahrzeug auf dem Platz waren, so stünden hier mittlerweile jede Nacht 4-5 Mobile, meist auch die ganz Grossen. Einige Besucher hätten ihre Autos zudem an der Absperrung vorbeimanövriert, um auf dem Rasen und noch näher beim Badesteg zu stehen.

Für uns ist dieses Verhalten ebenfalls unverständlich und ärgerlich – wieder ein Platz mehr, auf dem nur ein Verbotsschild den Einheimischen noch ihren Badeplatz „retten“ kann. Schade!

Die beiden Schilder-Monteure – Einwohner des nahen Dörfchens Siknäs – waren äusserst freundlich (Schweden, halt…) und entschuldigten sich bei uns noch fast für das schlechte Timing mit dem Schild. Sie verwiesen uns auf den Stellplatz im nahe gelegenen Hafen. Wir waren schon dort vorbeigefahren und die offiziellen vier Plätze waren belegt gewesen. Der Mann zückte sein Handy und suchte gemeinsam mit dem Hafenmeister Ulf eine Lösung für uns. Wir bedankten uns und fuhren los. Beim zweitletzten Haus vor dem Hafen winkte uns ein Mann vom Grill in seinem grossen Garten her zu. Nils stieg aus und ging zu ihm hinüber. Das musste Ulf sein. Er war es nicht. Nils erklärte die Situation und das falsch interpretierte Zuwinken. Er winke prinzipiell jedem, der hier vorbeifahre, meinte der Mann. Dann wechselte er, nach einem kurzen Blick auf das Heck unseres Autos, auf holpriges Hochdeutsch. Er habe drei Monate in Rapperswil gelebt, sein Vater sei Pilot in Zürich gewesen. Und sowieso, der Zürisee sei sooo schön!

Bei allem Respekt, wie kann man als Schwede die zubetonierten Ufer des Zürisees schön finden?! Umrahmt von Autobahnen, voll mit Schiffen, daneben ein internationaler Flughafen? Und hier unzählige Seen, einer schöner als der andere, mit naturbelassenen Ufern… Es muss wohl der Kontrast sein zu dem, was man gewohnt ist, zu sehen. Oder vielleicht die Berge im Hintergrund. Wir müssen uns dann bei Gelegenheit mal achten, wenn wir in Rapperswil sind.

Wie auch immer, der Nicht-Ulf zückte auch sein Handy und kontaktierte erneut den echten Ulf. Wir erhielten einen exklusiven Platz an bester Lage in der Mitte des Hafens und ernteten neidische Blicke der Bewohner der grossen Wohnmobile, die schräg gegenüber standen. Wenn wir etwas bräuchten, sollen wir einfach zu ihm ins grosse, weisse Haus rüberkommen, meinte der Hafenmeister Stv. und schlenderte zurück an den Grill.

Der Abend war erneut wunderbar warm, zudem mückenfrei und wir beobachteten das muntere Treiben im Hafen, das bis spät in die „Nacht“ andauerte. Einheimische fuhren mit ihren Booten auch spät noch los für eine kleine Spritztour zwischen den Schären oder kehrten heim von einem Picknickausflug mit den Hunden. Kinder schwammen vor dem Schlafengehen noch eine Runde durch den Hafen oder fischten untermässige Barsche vom Steg aus. Stress war keiner auszumachen, denn dunkel wird’s hier um diese Jahreszeit noch eine Weile nicht.

Erneut haben sich in Schwedischen Häfen die Dinge für uns interessant entwickelt.

Tack så mycket, riktig Ulf och andra Ulfar!