Auf der Übersichtskarte in unserem Schweden-Reiseführer zierten mittlerweile schon viele Leuchtstift-Linien das Bild. Seit wir nach unserer Ankunft und dem ziemlich bald darauf folgenden Workaway-Stay im Süden unsere ersten Eindrücke gewonnen hatten, war schon wieder Einiges passiert. Wir haben das Land von Süden nach Norden im Zick-zack gemütlich erkundet und sind dabei meistens nicht mehr als 1-2 Nächte am selben Ort geblieben.

Vor drei Monaten war für uns noch überhaupt nicht absehbar, wie der weitere Reiseverlauf aussehen könnte. Damals waren wir einfach mega happy, überhaupt in Schweden reisen zu können. Mittlerweile hatte sich die Lage verbessert und seit dem 5. Juli war es erstmals wieder möglich, von Schweden nach Norwegen zu reisen.

Die Verlockung war gross, umgehend die Grenze zu überqueren, stand doch der Norden von Norwegen bei uns sehr hoch im Kurs. Zudem hatte sich das Land in der Pandemie lange derart abgeschottet, dass viele Touristen nicht mit einer Sommerreise nach Norwegen planen konnten. Die Möglichkeit, zum Beispiel die beliebten Lofoten in der Hochsaison mit nur einem Bruchteil des üblichen Besucheraufkommens bereisen zu können, tönte extrem reizvoll.

Wir sind zwar gerne spontan, spürten aber eine gewisse Unlust, sofort nach Norwegen zu reisen. Schweden und seine Einwohner hatten uns seit Mitte April so viele tolle Erlebnisse beschert. Viele Eindrücke haben wir mitgenommen, aber irgendwie noch gar nicht verarbeiten können. Das Land jetzt zu verlassen würde uns die Möglichkeit nehmen, das Vergangene nochmal zu reflektieren. Neue Impressionen würden unsere Aufmerksamkeit erhalten. Schweden würde unverarbeitet verblassen…

Also suchten wir nach einer Möglichkeit, uns nochmal intensiv mit den Menschen auseinander zu setzen, welche in diesem Land zuhause sind.

Unweit von Luleå fanden wir den perfekten Ort für unser Vorhaben. Eine kleine Familie suchte Unterstützung bei diversen Arbeiten auf ihrer Farm, welche wunderschön am Fluss Råneälven gelegen ist, etwa 15km von der Küste entfernt.


Von der ersten Sekunde an fühlten wir uns herzlich willkommen und der darauf folgende Aufenthalt war genau, was wir uns erträumt hatten, um unserem Schweden-Aufenthalt einen würdigen Abschluss zu bescheren.

Die Familie nimmt das COVID-Thema ebenfalls ernst und wir einigten uns im Vorfeld darauf, zunächst drei Tage in Quarantäne auf ihrem Anwesen zu verbringen und uns in dieser Zeit nur draussen zu treffen. Wir durften unser Nyumbani an den wohl schönsten Fleck im ganzen Tal stellen. Eine Trockentoilette neben dem Stall und einen fix stationierten Wohnwagen durften wir ebenfalls in Beschlag nehmen. Als wir in den Wohnwagen schauten, konnten wir unseren Augen fast nicht trauen: Unsere Gastgeber hatten uns den Kühlschrank gefüllt und eine grosse Tasche mit weiteren Lebensmitteln reingestellt! Es war bei weitem nicht die letzte freundliche Geste von ihrer Seite…


Hochmotiviert halfen wir in den kommenden Tagen mit, den grossen Umschwung der Farm auf Vordermann zu bringen. Mähen, Trimmen, Malen, Sägen, Schrauben,… notabene bei nach wie vor tollem Sommerwetter. Dazwischen Abkühlung durch einen Schwumm im Fluss, welcher sicher 20° warm war und auch vom Tempo genau richtig für einige genüssliche Schwimmzüge an Ort und Stelle.


Als es kurz etwas weniger sommerlich wurde, verlagerten wir unseren Wirkunsort in den grossen Stall, in welchem ein grandioses Puff herrschte. Die Kunde von Rebis Talent, für Ruhe und Ordnung zu sorgen, hat sich bis nach Nordschweden verbreitet und so orchestrierte sie mit klarer Vision die wunderbare Verwandlung des Chaos‘ in eine sauber aufgeräumte Werkstatt. Die Auftraggeber waren von der Gründlichkeit und Effizienz derart erfreut, dass wir noch an anderen Orten aufräumen durften. Wenn wir auswandern würden, dann stünde auf jeden Fall schon die Geschäftsidee! Nebenbei kam während dem Aufräumen nach und nach die geheime Passion des Hausherrn zum Vorschein: Er hat eine Schwäche für Handsägen, Spann-Sets und Schrauben-Bits T20…


Wir genossen den immer toller aussehenden Umschwung und fühlten uns darauf so wohl, dass wir erst nach einer Woche die Farm erstmals verliessen. Auch Mojo hatte so viel Platz und spannende Ecken auf der Farm, dass er jeweils gar nicht mehr gross Spaziergänge brauchte. Er „half“ bei all unseren Arbeiten mit und war als Hütehund sowieso stets an vorderster Front mit dabei. Zu sehen, wie er sich in seinem temporären Revier genüsslich im Rasen wälzen und im Fluss herumwaten konnte, war sehr schön anzusehen. Das Herumreisen und immer wieder neue Auskundschaften ist anstrengend für ihn, das ist uns bewusst. Auch für ihn war diese „Auszeit vom Nomadenleben“ also eine willkommene Abwechslung. Zudem trainierten wir endlich wieder ausgiebig und auf perfektem Terrain. So konnten wir auf dem schönen Rasen erstmals wieder einen grösseren Longierkreis abstecken oder Mojo eine lange Fährte legen.


Unsere Gastgeber sind überaus interessante Leute. Vor 15 Jahren und in den späten Zwanzigern kratzten sie alles zusammen, was sie hatten und wagten sich mit dem Kauf der alten Farm aufs Glatteis. Sie hatten jedoch eine Vision und investierten in den kommenden Jahren unglaublich viel Zeit in den Umbau, welchen sie nach bestem Wissen selbst und fast ohne fachmännische Hilfe durchführten. Learning bei doing, nebst fulltime-Jobs und mit limitiertem Budget. Im ersten Jahr hausten sie im einzig bewohnbaren Raum, gemeinsam mit drei Hunden und zwei Katzen. Zwar schon mit Strom, aber noch ohne fliessend Wasser. Geduscht wurde bei der Arbeit. (Randnotiz: Jeder Arbeitgeber verpflichtet, den Angestellten eine Duschmöglichkeit zu geben).

Das Resultat ist beeindruckend. Rot und stolz leuchtet das wunderschöne Haupthaus jetzt und ist umgeben von einem grossen, einladenden Garten. Das zweite Haus, die ehemalige Bäckerei, wartet noch auf sein Facelifting, wirkt aber überhaupt nicht gestresst.

Am Abend hockten wir oft und lange mit den beiden zusammen. Die Gespräche waren so spannend, dass die Zeit jeweils wie im Flug verging und wir um Mitternacht abklemmen mussten, damit die beiden noch genügend Schlaf erhaschen konnten, bevor ihre Kinder frühmorgens den Tag einläuteten.

Unser Tagesablauf pendelte sich so ein, dass wir jeweils frisch gemahlenen Kafi aufkochten und die Morgenstimmung am Fluss genossen. Danach Training mit Mojo, Zmörgele und Loslegen mit der Arbeit. Dazwischen gab es tägliche Physio für das Knie von Tomas und die Schulter von Maria. Um ungefähr 16:00 Uhr durften wir uns zu Tisch begeben für ein frühes Znacht mit der Familie. Tomas ist ein grandioser Koch, Maria eine begnadete Bäckerin und wir assen fürstlich. Überhaupt war es ihnen beiden ein Anliegen, uns viel über die lokalen (Ess-)Gewohnheiten beizubringen. So assen wir Långfil, eine zähflüssige Art fermentierter Milch, welche es nur in der Gegend von Norrbotten noch zu kaufen gibt. Man kann diese Bakterienkultur auch weiterzüchten, mal sehen wie lange sie uns noch begleitet… Weiter durften wir Lachs in diversen Zubereitungsarten testen, wir assen Palt – aufwändig in Salzwasser gekochte Kartoffelkugeln – und als grandioses Highlight gab es mehrmals selbstgebackene Kanelbullar, welche alles übertrafen, was wir in den letzten Monaten an Süssgebäck getestet hatten – jättegott!!


Mehrmals kredenzte man uns frisch gekochte Konfi aus Hjortron (Moltebeeren) oder Lingon (Preiselbeeren), dazu verschiedene alt- und neumodische Pfannkuchenvarianten. Nils degustierte O’boy, das Caotina Schwedens und Rebi pflückte Jordgubbar. Für die Kräftskiva, das jährliche Flusskrebsfest, waren wir etwas zu früh. Dieses findet traditionell Anfang August statt und man verabschiedet den Sommer beim Verzehr der (möglichst selbst gefangenen) Flusskrebse, singt und trinkt (und trägt komische Hüte).

Sonntags tischte Rebi jeweils eine grosse Züpfe auf, welche wir entweder mit Lachs, Felchen oder einem mitgebrachten Gerber-Fondue genossen.

Der kleine Algot war noch nicht so gesprächig, dafür aber seine ältere Schwester Vilma umso mehr. Sie beurteilte unser Wirken auf der Farm fachfrauisch, wobei Maria bei unseren Gesprächen mit Vilma als feinfühlige Dolmetscherin glänzte. Der Sprachaustausch funktionierte prima. So lernten wir beispielsweise, dass der im Hause wohnhafte T-Rex Zahnseide benützt. Umgekehrt lobt der kleine Blondschopf jetzt alle Hunde und Plüschtiere mit einem akzentfreien „guuuet“, wenn sie etwas apportieren. Mit Vilma konnten wir auch testen, ob unser Schwedisch verstanden wird. Bei einem „vad säger du?“ als Antwort mussten wir nochmals über die Bücher…

vad säger du?

Vilma

Tomas hatte während unserem Besuch Ferien und so nahm er sich die Zeit, uns seine Lieblingsorte in der Stadt Luleå zu zeigen. Was für ein Kontrast diese „guided tour“ darstellte zu unserer Visite als „Normaltouristen“ einige Tage zuvor. Die verborgenen Ecken zu sehen, die Orte der Stadt mit der Geschichte unserer neuen Bekanntschaften zu verknüpfen, uns für ein Picknick im charmanten, gut verborgenen Kaffeehaus einzudecken, das wir niemals alleine gefunden hätten,… wir genossen es sehr und hoffen fest, dieser tollen Familie ebenfalls unsere Lieblingsorte zeigen zu dürfen, sollten sie uns in Zukunft mal in der Schweiz besuchen.

Nach fast drei Wochen nahte der Abschied. Die Zeit war unglaublich schnell vergangen und wir hätten noch lange bleiben können. Zudem wurde just zum Zeitpunkt unseres Besuches das Anwesen nebenan zum Verkauf angeboten: Ein charmantes Häuschen auf einer Insel im Fluss, mit viel Umschwung, grossem Stall, Gästehaus, Boot, Privatstrand,… renovationsbedürftig, aber für umgerechnet nur 100’000 CHF – ein Schnäppchen. Da Tomas und Maria den Makler kannten, liessen wir uns das Grundstück zeigen, obschon wir weder das nötige Giletmünz, noch ernsthafte Auswanderungspläne im Gepäck hatten. Mit Giletmünz und Plänen hätten wir jedoch keine Sekunde zögern dürfen, es wäre die perfekte Gelegenheit gewesen!


So zogen wir aber erneut weiter, verstauten den Schwedenführer im Gepäck und nahmen stattdessen denjenigen für Norwegen hervor. Wehmütig verabschiedeten wir uns von unserer Schwedischen Familie und von dem wirklich speziellen Ort. Gleichzeitig waren wir so glücklich darüber, diesen „Umweg“ gemacht zu haben.

Erst jetzt fühlte es sich richtig an, ein neues Land ins Visier zu nehmen.

Der Herbst naht – Zeit, weiter zu ziehen…