Bei regnerischem Wetter fuhren wir auf kleinen Strassen durch die Weingärten des Burgunds und stellten uns vor, wie es wäre, wenn wir jetzt bei Sonnenschein und 25° durch die Gegend cruisen würden. Sonnenbrille, Ellbogen aus dem Fenster und so. Allmählich stellte der Regen ab und die Farben der uns umgebenden Landschaft wurden kräftiger. Die Ellbogen blieben zwar noch drin, aber wir hatten Lust auf einen Zwischenhalt.

Vézelay wurde in unserem alten Lonelyplanet als sehenswert angepriesen und so steuerten wir dieses kleine Dörfchen an, das sich auf einem Felsen über dem Teppich aus Feldern und Reben befindet.

Vorbildlich montierten wir unsere Masken und erkundeten den Ort. Nebensaison und kühles Wetter führten zu einer überschaubaren Anzahl an anderen Touristen, welche wie von einem unsichtbaren Magneten angezogen allesamt direkt in die grosse Kirche – die Hauptattraktion von Vézelay – strömten. Uns Kulturbanausen war dies noch so recht und so streiften wir durch die engen Gassen, markierten an Blumentöpfe (Mojo), sabberten vor dem Schaufenster der Boulangerie (Nils) oder erspähten handgemachte Kunst durch die Scheiben der Ateliers (Rebi).

Faszination Brioche…

Als wir im Vorbeigehen zwei Einheimische grüssten, lud uns einer der beiden enthusiastisch dazu ein, durch seine Tür zu kommen und zu schauen. Wir wussten zwar nicht genau, was es zu sehen oder kaufen gab, aber wir gingen trotzdem mit.

Es stellte sich heraus, dass es gar nichts zu kaufen gab. Der Monsieur war einfach der Meinung, man sehe von der Strasse schlichtweg nicht genug von den Häusern und wollte uns zeigen, was sich hinter den ersten Mauern verbarg. Und so sahen wir eine Menge: Zunächst einen versteckten Innenhof, dann Küche, Schlafzimmer, Estrich, Abstellkammer, Arbeitszimmer,… immer weiter führte der Mann uns durch die verwinkelte Wohnung, die sich über mehrere Gebäude und Stockwerke erstreckte. Unterwegs trafen wir auf seinen Sohn im Homeoffice und dessen Insektenboxen, denn er sei auf der Suche nach einem bestimmten Insekt in Südasien und sieht seine Zukunft als Selbstversorger. Das glauben wir zumindest verstanden zu haben, denn der nette Gastgeber redete und bewegte sich schnell in seinem Bau umher und wir konnten auf beide Arten nur mühsam folgen. Irgendwo wieder eine Treppe runter, Mojo auf den Armen wegen den steilen Stufen, dann standen wir in der Küche. Hier teilte uns die Frau des Hauses mit, dass sie keine Haustiere möge und wir lasen zwischen den Zeilen, dass sie auch Touristen in der Küche nicht sooo prickelnd findet.

Ihr Mann prickelte aber weiter wie ein guter Champagner und führte uns in ein anderes, unbewohntes Haus auf der gegenüberliegenden Strassenseite, das irgendwie auch im Familienbesitz war. Die geschichtliche Abfolge, wem wann und warum das Haus gehörte oder bewohnte, überforderte unsere Aufnamefähigkeit deutlich. Da diese Zusammenhänge für uns auch nicht so wichtig waren, liessen wir den Blick stattdessen durch die ziemlich verstaubten Räume schweifen und stellten uns vor, wie in früheren Zeiten dieses Haus voller Leben gewesen sein musste. Der redselige Einheimische führte uns weiter von Raum zu Raum und schliesslich auf eine zwar arg vernachlässigte Terrasse, von wo man aber eine grandiose Aussicht auf die Umgebung hatte.

Nach etwa einer Stunde verabschiedeten wir uns wieder von unserem Privat-Guide. Obwohl wir wohl nur einen Bruchteil der Einzelheiten seiner Erzählungen wirklich verstanden haben, war diese Führung trotzdem ein Erlebnis. Dass wir spontan hereingebeten wurden in einer Zeit, in der sich die Leute doch eher aus dem Weg zu gehen scheinen, war nicht selbstverständlich und freute uns deshalb umso mehr.

Vielleicht gab es ja im Haushalt des Mannes später noch eine Tischdebatte zum Thema „spontane Hausführungen für Touristen (mit Hund!!) in Zeiten von Corona“, wir wissen es nicht. Auf jeden Fall verliessen wir Vézelay mit Impressionen und Erkenntnissen, die so nicht im Lonelyplanet zu finden sind.