Die nächste Fähre brachte uns von Andenes nach Gryllefjord auf der Insel Senja. Auf dem Schiff lernten wir ein Schweizer Paar kennen, dessen Gefährt wir schon am Fährkai studiert hatten. Sie erkunden die Welt in einem Unimog-Lastwagen. Geländegängig ist nicht wirklich die passende Bezeichnung dafür, eher schreit das Fahrzeug danach, nicht auf einer asphaltierten Touristenstrasse fahren zu müssen! Das Gespräch war unterhaltsam und obschon wir punkto Alter und Reisestil nicht allzu viel gemeinsam hatten, verband uns mit dem pensionierten Paar die Freude, hier unterwegs sein zu können. Genau wie wir, mussten auch sie letzten Winter ungeplant heimkehren und auf eine mögliche Weiterreise hoffen.

Gummistiefel und Regenkleider waren das passende Outfit für unsere ersten Erkundungstouren auf Senja. Es hing dicker Nebel an den Gipfeln. Dieser würde uns mehr oder weniger die ganze Zeit begleiten, wie wir im Verlauf der kommenden Woche erfahren würden. Ein Aufsteller waren jedoch die Blaubeeren, die plötzlich überall zahlreich zu finden waren. Ab jetzt trugen wir stets zwei Tuppergefässe auf uns, wenn wir zu Fuss unterwegs waren. Blueberry-Muffins, Blueberry-Crumble, Blaubeeren im Müesli,… darauf haben wir uns schon lange gefreut! Wenn wir in den Büschen herumsuchten, tat es uns Mojo gleich und begann, gierig Beeren zu mampfen. Manchmal vergass er sich komplett und konnte fast nicht mehr damit aufhören. Zudem ass er nebst den Blaubeeren auch die Schwarzen Krähenbeeren. Da diese noch viel zahlreicher vorhanden waren, war es kaum möglich, ihn zu stoppen – andauernd steuerte er wieder die Büsche an. Obschon diese Beeren auch essbar sind, wussten wir nicht so recht, was mit Mojo passieren würde. Als wir merkten, dass er weder high wurde, noch erbrechen musste, liessen wir ihn gewähren. Vielleicht beginnt er irgendwann zu krächzen wie eine Krähe, mal abwarten…


Nach zwei Tagen nass und kalt steuerten wir den kleinen Hafen von Skaland an. Eine Kleiderwäsche war überfällig und die Sehnsucht nach einer richtig schön heissen Dusche gross. Direkt vom Hafen führte eine schöne Wanderung auf den Bergrücken Husfjället. Trotz Nebelschwaden eröffnete sich uns dort ein toller Ausblick über die Fjordlandschaft von Senja, welche sich vor den Lofoten gar nicht zu verstecken braucht. Den ungetrübten Rundumblick durften wir jedoch leider nicht geniessen, aber das war halb so schlimm. Dafür wählten wir für den Rückweg einen Umweg über einen schönen Grat und konnten so den grossen Sumpf umgehen, der unsere Balancier- und Hüpfkünste auf dem Hinweg auf die Probe gestellt hatte.


Seit vielen Tagen wechselten wir täglich unseren Standort für die Nacht. Wir hatten mal wieder Lust auf einen Tag ohne Autofahrt und fanden oberhalb des Dörfchens Mefjordvaer einen super Platz dafür. Beeren und Fisch lieferte der Ort zur Genüge, das Wetter war nach wie vor durchzogen. So probierten wir neue Rezepte aus und Rebi installierte mal wieder ihr Kreativatelier im Bus.


Die nächste Tour war spektakulär. Von einem Nebengipfel schauten wir rüber zum Segla, einem sehr markanten Felszacken und dem wohl beliebtesten Ziel der wanderfreudigen Senja-Besucher. Einmal oben, erkennt man, weshalb dieses Ziel so anziehend wirkt: Auf gut ausgetretenen Wegen gewinnt man schnell einmal an Höhe, abgesehen von der schon imposant erscheinenden Felswand des Segla wirkt die Landschaft aber sanft und lieblich. Dann kommt es: Auf dem Grat angekommen, fehlt die andere Seite der Bergkette komplett – es geht mehrere hundert Meter senkrecht bis überhängend hinunter zum dunklen Fjordwasser. Dieser unerwartet krasse Wechsel liess unsere Herzen alle gerade etwas schneller schlagen. Zum Glück wählten wir die Route zum etwas tiefer liegenden Nachbargipfel des Segla, dem Hesten. Dieser war nebelfrei und wir genossen von dort die tolle Aussicht, intensiviert durch den erhöhten Adrenalinspiegel vom knackigen Aufstieg zum Gipfel.

Weil es offenbar heutzutage nicht mehr ohne geht, summten um uns herum mehrere Drohnen über dem Abgrund. Schade, denn gerade hier, so weit weg von den Geräuschen der Zivilisation, wäre das Erlebnis für alle noch eindrücklicher ohne diese Geräte. Ich wünsche mir von Rebi eine Steinschleuder auf Weihnachten.


Auf der vom offenen Meer abgewandten Seite der Insel herrschte deutlich weniger Betrieb. Hier sind die Berge weniger schroff, das Klima weniger rau. Gut, dass Rebi hier eine neu eröffnete Kaffeerösterei ausfindig gemacht hatte, denn der Besuch dieser deutlich weniger stark frequentierten Gegend von Senja bescherte uns schöne Erlebnisse. Die quirlige, griechische Bedienung im Rösterei-Kafi gab uns den Tipp für eine Küstenwanderung unweit des Lokals. Nur zwei Menschen begegneten uns an diesem Küstenabschnitt und wir genossen die Ruhe und Idylle entlang des Weges, welcher in regelmässigen Abständen zu kleinen, hübschen Stränden führt.


Im Ånderdalen-Nationalpark schnürten wir das letzte Mal auf Senja unsere Wanderschuhe und was uns erwartete, war ein Juwel. In unberührter Natur führte uns der Weg zunächst durch eindrückliche Kiefernwälder, wo uns viele dieser knorrigen, verdrehten Riesen anhalten und staunen liessen. Etwas höher oben wanderten wir durch luftige Birkenwälder und es war plötzlich, als hätte irgendwer auf den Herbst-Knopf gedrückt. Erste Blätter waren schon verfärbt und überall lugten Pilze zwischen den Beerensträuchern hervor. Zwischendurch kam dann sogar die Sonne hervor und liess die neuen Farbnuancen prächtig leuchten. Wir spürten, der Herbst ist hier oben nah – und dies Mitte August.

Auf neuen Plankenstegen balancierend, wanderten wir federnd über ein sich auch schon verfärbendes Moor und trafen auf zwei junge Parkmitarbeiter, welche für den einwandfreien Steg verantwortilch waren und gerade Pause machten. Mojo wurde augenblicklich von ihnen inspiriert, denn er legte sich vor sie ins Moos und driftete ab in ein spontanes Powernap. Atypisch für ihn, aber er schien noch zu atmen, also konnten es wohl nicht die Beeren sein. Wir gönnten ihm seine Auszeit und erfuhren von den beiden Einheimischen, dass man auf der Insel Senja hofft, nicht in gleichem Masse von den Touristenströmen überrannt zu werden, wie dies auf den Lofoten der Fall sei. Die neuen Planken installiere man in erster Linie für die Natur und nicht für die Besucher. Wenn der Weg klar ersichtlich sei, blieben die Menschen in der Spur und verbreitern nicht stetig den Pfad, wie dies an stark frequentierten Orten leider geschehe.

Wir erhielten auch von Ihnen Ratschläge, welche Gegenden wir weiter oben in Norwegen ihrer Meinung nach noch besuchen sollten. Wieder einmal bereicherte eine Begegnung unser Wandererlebnis und wir konnten etwas den Puls der Menschen spüren, die hier zu Hause sind. Für uns wenig erstaulich, geschah dies abseits des grossen Trubels. In den stark besuchten Gebieten hatten wir jeweils das Gefühl, die zwei Welten der Besucher und Bewohner existieren quasi ohne Berührungspunkte. Hier nimmt man einander wahr, grüsst sich und kommt ins Gespräch. Wir hoffen, dieser schöne Osten der Insel bewahrt seinen einladenden, entspannten Charakter und wird sich uns nicht verändert präsentieren, wenn wir das nächste Mal zu Besuch kommen.