Nach dem Abstecher auf die beliebten Lofoten führten wir unsere Norwegen-Entdeckungstour weiter nördlich fort.

Oberhalb der Lofoten liegt die Inselgruppe Vesterålen, aus welcher die Insel Andøy wie ein ausgestreckter Finger nach Nordosten zeigt. Ganz an der Spitze liegt Andenes. Wer dorthin fährt, hat meist im Sinn, sich den Walen zu nähern. Ein stabiler Bestand an Pottwalen tummelt sich ganzjährlich unweit der Insel, da sich dort mit dem Bleik Canyon ein nahrungsreiches Gebiet befindet, wo die Giganten mit Vorliebe Tintenfische verspeisen. Um sich den Tieren nähern zu können, muss man sich per Boot trotzdem ein Stück weit aufs offene Meer begeben. Eine Tour dauert somit mehrere Stunden und wir wussten, dass wir Mojo nur längere Zeit im Auto lassen können, wenn das Wetter mitspielt.

So warteten wir ab, bis das Wetter genug schlecht war, um unsere Tour zu buchen. Da kam er, unser „Schweizer-Sommertag“: eine träge, dicke Wolkendecke, 13°C und leichter Regen. Perfekt, wir buchten unsere whale watching experience! Dann widmeten wir uns Mojo und machten ihn so richtig schön müde, bevor wir zum Hafen von Andenes fuhren.


Bevor es aufs Schiff ging, erfuhren wir auf einer sehr kurzweiligen Einführungstour durch das Walmuseum viel Spannendes über die Pottwale. Voller Ehrfurcht lauschten wir den Ausführungen des Guides. Neben dem Skelett eines vor einiger Zeit in Andenes gestrandeten Pottwal-Männchens kamen wir uns winzig vor.


Etwa 20km fuhren wir danach aufs Meer hinaus. Dick eingepackt in Regen-Vollmontur suchten wir uns ein windgeschütztes Plätzchen und schon nach kurzer Zeit waren wir froh um jede einzelne Schicht. Diverse Mitreisende unterschätzten den Windchill und schlotterten nach kurzer Zeit in feuchten Jeans und durchnässten Faserpelzen. Als das Schiff dann plötzlich verlangsamte, waren die klammen Finger und zitternden Muskeln bei allen vergessen. Allerdings nur kurz, denn ein lässiger Speaker informierte uns Safaritouristen, dass es keinen Grund gäbe, auszuflippen. Es stehe keine Walsichtung bevor, der Kapitän drossle den Motor nur, um die Klickgeräusche des tief unter uns jagenden Wals besser hören zu können. Also, abwarten und weiterschlottern!


Die Pottwale jagen tatsächlich in bis zu zweitausend Metern tiefe nach Beute. Dass wir überhaupt die Chance einer Sichtung erhalten, liegt in der Tatsache, dass sie nach 30-120 Minuten auftauchen, um zu atmen. In dieser Pause treiben sie für wenige Minuten an der Wasseroberfläche, wo man sie dank der Wasserfontäne beim Ausatmen auf Sicht lokalisieren kann.

Und da sahen wir ihn plötzlich: den dunkelgrau glänzenden Rücken eines Wals. Der Kapitän steurte das Schiff leise bis auf etwa 60m an den im Wasser dümpelnden Giganten heran. Ein magischer Moment – alle Passagiere wurden still und man hörte, wie sich die kleinen Wellen am Körper des 15-20m langen Tieres brachen. Ab und zu zischte es und der Wal liess eine Gischtfontäne aufschiessen.

Da lag er nun, der Wal. Kurz zu Besuch an der Schnittstelle zwischen seiner und unserer Welt. Hunderte Meter weiter unten fühlt er sich wohl. Wo kein Licht mehr hingelangt und uns der Wasserdruck schlicht zerquetschen würde. Wo er sich mittels seines Echolotsystems orientiert und wo es Kreaturen geben muss, denen wir lieber nicht begegnen möchten…


Kurz bevor der Wal wieder abtauchte, warnte uns der Kapitän. Wenige Sekunden später ragte die Fluke des Pottwals aus dem Wasser und dutzende Fotos wurden geknipst.

Noch zwei weitere Male durften wir dieses Schauspiel begutachten. Beim letzten Mal war das Boot sogar noch deutlich näher am Wal. Wir beide einigten uns darauf, unsere Kameras schon zu verstauen und dieses Erlebnis ganz ohne Ablenkung zu geniessen. Das Wetter war eh nicht top für Fotos.

Erst jetzt realisierten wir die Details. Die Furchen auf der Haut. Die kleinen Korrekturen für die gute Wasserlage. Und dann die fein beginnende Veränderung der Rückenform, bevor der Wal kurz verschwindet, wieder hochkommt und mit einer wunderbar geschmeidigen und perfekten Bewegung kopfüber abtaucht. Das wunderschöne Schlussbouquet dieser Darbietung besteht in der Präsentation der Fluke, welche kurz steil aus dem Wasser ragt, bevor sie geräuschlos in die Tiefe des Meeres verschwindet. Nur die Abtauchstelle hebt sich durch die Verwirbelungen im Wasser optisch noch kurz von der Umgebung ab, ansonsten gibt es keinerlei Hinweise darauf, dass genau hier vor wenigen Augenblicken ein bis zu 57 Tonnen schweres Säugetier abgetaucht ist.


Auf der Fahrt zurück wärmten wir uns an Deck an einer offerierten warmen Gemüsesuppe und waren froh, nicht zu den wenigen Unglücklichen zu zählen, die gerade überhaupt keine Lust auf Essen hatten und sich bleich in einer Ecke kauernd an eine Tüte klammerten.

Zurück an Land fanden wir unser eingesperrtes Säugetier friedlich schlafend im Auto vor. Wir fuhren zum nächsten Stellplatz und drehten die Standheizung voll auf, denn auch wir schlotterten jetzt ziemlich stark. Kurze Zeit später waren wir wieder aufgetaut und waren uns einig: dieser Ausflug hatte sich definitiv gelohnt!